geb. 16. Feb. 1898 in Riga, gest. 13. Juni 1985 in Schneverdingen

Reinhold von Sengbusch hat die Kulturpflanzenzüchtung durch seine Arbeiten maßgeblich geprägt. Er war einer der letzten großen Pflanzenzüchter, der mit konventionellen Methoden viele Ergebnisse der gentechnologischen Pflanzenzüchtung vorweggenommen hat. Mit den klassischen Methoden der Pflanzenzüchtung hat er

  • Erfolge in der Resistenz von Pflanzen gegen Krankheiten erreicht (Resistenz gegen Tabakmosaikvirus)
  • Sorten mit hoher Anreicherung von Wertstoffen (Fasergehalt in Hanf von mehr als 20%) und
  • Sorten mit hoher Abreicherung von unerwünschten Begleitstoffen (bitterstoffarme Süßlupine, nikotinarmer Tabak) gezüchtet

In allen Fällen war die Basis seiner Erfolge die Entwicklung von Methoden, die es ihm ermöglichten, bei seiner züchterischen Arbeit jeweils sehr hohe Zahlen an Individuen mit sehr einfachen Tests anhand weniger Parameter zu untersuchen. Dabei entwickelte er eine Kreativität, auch unkonventionelle Wege zu beschreiten, und hatte vielfach eine glückliche Hand und exzellente Mitarbeiter, die ihn bei seinen Arbeiten unterstützten. Er lebte in Zukunftsvisionen und hatte einen ausgeprägten Sinn für die Praxis. Schon in den 30-er Jahren richtete er einen Teil seiner züchterischen Arbeiten auf Entwicklungen für die Gefrierindustrie aus, die in Deutschland allerdings erst in den 60-er Jahren flächendeckend realisiert wurde. Zu Beginn der 50-er Jahre bestand die Kühltruhe bei von Sengbusch zuhause aus einer mit alten Federbetten ausgestopften größeren Holzkiste, die regelmäßig (einmal pro Woche) mit Trockeneis und Vorräten aus dem Unionskühlhaus in Hamburg-Altona befüllt wurde.

Viele Züchtungsergebnisse von Reinhold von Sengbusch sind auch mit den modernen gentechnologischen Methoden bis heute noch nicht übertroffen worden. Was sich verändert hat, sind die Zuchtziele und die Geschwindigkeit, mit der mit den heutigen Methoden bestimmte Mutanten und Zuchtziele erreicht werden können. Konsequenter Weise hat von Sengbusch sich nie mit der Züchtung von Obstsorten beschäftigt, da die langen Vermehrungszyklen schnelle Zuchterfolge mit den damaligen Methoden ausschlossen, denn auch Ungeduld war bei von Sengbusch eine der Triebfedern seiner Kreativität.

Die Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Arbeit von Reinhold von Sengbusch ging über seine landwirtschaftlich züchterischen Interessen weit hinaus. Fischhaltung und -züchtung, in vivo Auflösung von Nierensteinen, Pilzanbau und -züchtung, aber auch technische Innovationen waren bemerkenswerteste Randgebiete, in denen Reinhold von Sengbusch, natürlich auch in Zusammenarbeit mit fachkompetenten Kollegen, wesentliche Beiträge zum wissenschaftlichen Fortschritt geliefert hat.

Reinhold von Sengbusch hat seine wissenschaftlichen und züchterischen Arbeiten, insbesondere die auf dem Gebiet der Welternährungsthematik, immer in der Tradition von Leibniz - theoria cum praxi - also in der direkten Verbindung zur Nutzung in der Praxis gesehen. Mit der Leitung der Max-Planck-Gesellschaft hatte er mehrfach ernsthafte Dispute darüber, daß diese bei der Umsetzung der erarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnisse in die wirtschaftliche Nutzung zu zögerlich war. Er selbst hat Wissenschaft und Wirtschaft immer in enger Synergie gesehen und in den Bereichen, wo er selbst Inhaber der Ergebnisse war, dieses auch in die Tat umgesetzt. In den 50-er Jahren hat er selbst ein erfolgreiches Unternehmen zur Verwertung der in seiner privaten Forschungsstelle gezüchteten Erdbeersorten gegründet und seine Erdbeersorte „Senga Sengana“ erreichte in den 60-er Jahren in Europa einen Marktanteil von fast 80%.

Reinhold von Sengbusch' liebstes Kind in der umfangreichen Liste der Objekte, mit denen der sich in 60 Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit befaßt hat, war die Lupine.

Es war das bedeutendste Beispiel einer zielgerichteten züchterischen Aufgabe, eine Wildpflanze in eine Kulturpflanze zu wandeln, in der wesentliche Mängel der Wildpflanze, die eine Nutzung als Nahrungsmittel verhinderten, eliminiert wurden. Der bedeutendste Mangel dieser außerordentlich eiweißreichen Pflanzenart, der bei der Nutzung als Gründüngerpflanze keine Rolle spielte, aber die Nutzung als Nahrungsmittel, sei es für den Menschen oder für das Tier ausschloß, war ihr Gehalt an Bitterstoffen (Alkaloide in verschiedener Form) im Blattwerk und in den Samen; letztere waren, wie die Sojabohne auch, besonders fettreich. Weitere Mängel betrafen das Aufplatzen und Abfallen der Samenhülsen, die eine sichere Ernte der Samen behinderten. Die daraus abgeleiteten Zuchtziele – Armut an Bitterstoffen, nicht-platzende Hülsen - konnten nur durch gezielte Suche nach zufälligen Mutanten, die eine der gesuchten Eigenschaft aufwies, bewerkstelligt werden. Dabei war ungewiß, wie häufig man die gesuchten Mutanten erwarten konnte. Es stellte sich heraus, daß manche Mutanten nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/1.000.000 auftraten. Daher mußten sich die Methoden, die zur Suche nach diesen wenigen mutierten Exemplaren eingesetzt wurden, durch Originalität und Einfachheit auszeichnen, um das Ziel überhaupt zu erreichen. Schnelltests, bei denen Millionen von Samen auf Alkaloidarmut geprüft werden konnten, waren eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg. Obwohl diese "Schnellbestimmungsmethoden" kritischen Physiologen und Chemikern ein steter Anlaß zu Kritik waren, hat wohl gerade ihre geniale Einfachheit verblüfft, sodaß z.B. die Verwertungsgesellschaft, die nach der Auslese und Züchtung die neuen "von Sengbusch'schen Süßlupinen" vermarktete, darauf bestand, daß diese Ausleseverfahren längere Zeit nicht veröffentlicht werden durften. Nach dem Auffinden der Einzelmutanten wurden diese Einzeleigenschaften in den entstandenen Sorten durch Kreuzung kombiniert. Nur etwa 10 Jahre hat dieser Prozeß gedauert, eine völlig neue Kulturpflanze zu züchten, ein Prozeß, der für unsere bekannten Kulturpflanzen (Weizen, Kartoffeln, Rüben etc.) Jahrhunderte gebraucht hat. Nicht umsonst wurde von Sengbusch dieser beispiellose Erfolg von vielen Seiten geneidet. Heute spielt die "Süßlupine" in Westeuropa wegen der Konkurrenz von Mais, Soja und der Verfügbarkeit von chemischem Stickstoffdünger keine Rolle mehr, wohl aber in den Ländern Osteuropas, Afrikas und Südamerikas, insbesondere in Höhenlagen über 500 Metern.

Reinhold von Sengbusch' erfolgreichstes Kind war die Erdbeere. Als in den 30er Jahren leistungsfähige Kühlaggregate zur Verfügung standen, war die Industrie an der Verfügbarkeit von für das Tiefgefrieren geeigneten Obstsorten interessiert.

Anders als bei der Lupine, bei der zufällige Mutanten einer Wildform gesucht waren, hat von Sengbusch bei der Erdbeere systematisch versucht, die Eigenschaften bekannter Kultur- und Wildformen durch Kreuzung so zu kombinieren, daß gewünschte Eigenschaften erreicht wurden, insbesondere ein hoher Ertrag, Gefrierfestigkeit, Geschmack und Transportfähigkeit. Auch hier spielten Mutationen oder das Auffinden neuer Eigenschaften in der durch Samenvermehrung gewonnenen Nachkommenschaft eine Rolle, aber die gezielte Züchtung durch Kreuzungen stand im Vordergrund. Die selektierten Sorten konnten über vegetative Vermehrung als Klon relativ leicht erhalten werden. Dennoch spielte für die wirtschaftliche Auswertung die Qualitätssicherung bei der Vermehrung eine herausragende Rolle, um zu verhindern, daß Samenflug und Keimung die Sortenerhaltung über Ableger gefährdet. Ein speziell entwickeltes Vertragssystem mit Partnern hat dies über inzwischen mehr als 6 Jahrzehnte sicher gestellt. Mehrere Sorten wurden ein wirtschaftlicher Erfolg, u.a. spezielle Sorten für den Feldanbau mit besonders hohem Ertrag, (Voraussetzung für eine industrielle Produktion) und andere mit verbessertem Geschmack, der auch beim Gefrieren akzeptabel erhalten bleibt, besonders bekannt wurde die „Senga Sengana“, die in den 50-er und 60-er Jahren einen Siegeszug durch Europa angetreten hatte und den Markt dominierte wie nie eine andere Sorte zuvor oder danach.

Reinhold von Sengbusch' wissenschaftlich ergiebigstes Kind war der Hanf. Als Wildform gibt es beim Hanf männliche und weibliche Pflanzen und diese, Diöcie genannte, Eigenschaft mindert den Ertrag an Fasern und macht ihn schwankend. In Zusammenarbeit mit zwei anderen Forschergruppen gelang es in fast 30 Jahren mit starken Behinderungen während des Krieges, zwei Kultursorten zu züchten, eine, die beide Geschlechter auf einer Pflanze trägt (Fibrimon), und die andere eine diöcische Sorte (Fibridia) mit getrennt männlichen und weiblichen Pflanzen. Der Fasergehalt wurde nicht nur von etwa 12% auf über 20% erhöht, sondern auch der Gehalt an langen Primärfasern, die für die Fabrikation von Hanfprodukten vorteilhaft sind, wurde stark erhöht. Charakteristisch für von Sengbuschs Arbeitsweise war die Nutzung chemischer und mikroskopischer Methoden für die Selektionsarbeit, und ein einfacher Trick, mit dem man ein und dieselbe Hanfpflanze mehrfach zur Blüte bringen kann: Man läßt nur den Hauptsproß weiter wachsen und verhindert durch Abschneiden das Auswachsen von Seitensprossen. Die ersten Blüten dienen der Diagnose der Geschlechtsverhältnisse, die weiteren der Kreuzung. Diese Züchtungen gehören zu den größten Erfolgen der Pflanzenzüchtung in verhältnismäßig kurzer Zeit und sind doch kaum für die Praxis von Bedeutung geworden.

Das Projekt Hanf wurde durch die Entwicklungen der polymeren Industrie-Fasern überrollt und die Preis-Performance der Naturfasern des Hanfes konnte mit den neuen Technischen Garnen der 50-er Jahre nicht mehr konkurrieren.

Denjenigen, die sich heute wieder mit der Renaissance der Hanfzüchtung beschäftigen, sei angeraten, diese Arbeiten, die teilweise mehr als 50 Jahre zurück gehen, sorgfältig zu studieren, bevor begonnen wird, das Rad neu zu erfinden.

Die Liste der von von Sengbusch bearbeiteten Objekte ist lang und vielfältig, inbesondere auch hinsichtlich der Problemstellungen. Im weiteren hat er bearbeitet:

  • Nikotinarme Tabak-Sorten und Kurztagformen
  • Monözischer (einhäusiger) Spinat
  • Tetrapolyploider und perennierender Roggen
  • Reduktion von Anthozyan im Spargel – weißköpfiger und grüner Spargel
  • Frühreifende Busch-Tomaten
  • Champignon-Züchtung, Brutherstellung und sterile Anbauverfahren
  • Ertragreiche Himbeer-Sorten und Verbesserung der Qualität der Frucht
  • In vivo Auflösung von Nierensteinen
  • Aquakulturverfahren mit biologischer Wasseraufbereitung für Nutzfische, Reduktion der Zwischenmuskelgräten beim Karpfen und Domestikation von Warmwasserfischen

Reinhold von Sengbusch hat allein und in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern über 300 Publikationen in Fachzeitschriften veröffentlicht, sein Institut über 600. Da die meisten Publikationen vor 1965 erschienen sind, stehen sie bisher noch nicht in digitaler Form in Literatur-Datenbanken zur Verfügung und sind als Sonderdrucke kaum verfügbar oder bekannt. Die Digital Library der Max-Planck-Gesellschaft bereitet derzeit die elektronische Verfügbarkeit in der Literaturdatenbank der MPG vor und es kann davon ausgegangen werden, daß die gesamte Literatur ab März 2009 in digitaler Form für Volltextrecherchen zur Verfügung steht. Ein entsprechender Link wird auf dieser Seite eingestellt werden, sobald das Digitalisierungsprojekt dies ermöglicht.

Darüber hinaus wurden etwa 30 Sorten und viele Warenzeichen beim Sorten- und Patentamt angemeldet, einige Warenzeichen sind noch heute gültig.

Eine wirtschaftliche Bedeutung haben in Europa bis heute die Erdbeersorten behalten und in den südamerikanischen und nordafrikanischen Staaten verschiedene Sorten der Süßlupine.

Lebensdaten von Reinhold von Sengbusch

 
16.2.1898 Reinhold v. Sengbusch wurde am 16.2.1898 in Riga geboren.
1906-1917 Schulbesuch
1917 Abitur im damals zu Rußland gehörenden Riga
1918-1920 Landwirtschaftliche Lehre
1920-1924 Studium der Landwirtschaft in Halle bei Prof. Roemer
1924 Promotion zum Dr. rer. nat. mit einer Arbeit über Zuckerrüben.
1924-1925 Zuckerrübenzüchtung bei der Kleinwanzlebener Saatzucht
1926-1927 Assistent bei Erwin Baur im Institut für Vererbungslehre in Berlin
1927-1937 Assistent bei Erwin Baur im Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg
1937-1948 private Forschungsstelle v. Sengbusch in Luckenwalde
1948-1951 Forschungsstelle v. Sengbusch (in Hamburg) in der Max-Planck-Gesellschaft
1951-1958 Abteilung für Kulturpflanzenzüchtung (in Hamburg) im Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung, Köln
1958 Honorarprofessur der Universität Hamburg
1958-1968 Selbständiges Max-Planck-Institut für Kulturpflanzenzüchtung in Hamburg
1969-1985 Forschungsstelle v. Sengbusch
13.6.1985 Am 13. Juni 1985 ist Reinhold v. Sengbusch gestorben

Literatur

1. Angewandt Botanik, 59, 161-162 (1985), Walter Hondelmann
2. Der Zuechter, 28, Heft 1, Sonderheft zum 60. Geburtstag R.v.S. von Hans Stubbe